Autor Thema: KV Technical History & Variants  (Gelesen 1069 mal)

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Offline richtfunker

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KV Technical History & Variants
« am: 25. April 2020, 14:41 »
Da es über die KW-Serie wenig Material gibt - die 3 Tankograd-Hefte sind lang vergriffen - möchte ich hier dieses hervorragende Buch vorstellen, obwohl es nicht ganz neu ist (2010).

Eigentlich dachte ich, dass auch dieses Buch vom Verlag AirConnection vergriffen ist, denn es wird auf Amazon und Ebay zu horrenden Preisen angeboten. Als ich jedoch auf der Internet-Seite von Hussar Productions nach Resin-Reifen stöberte, stellte ich fest, dass es doch noch verfügbar ist, so auch sein Compagon: T-34 Mythical Weapon. Der Preis war meiner Ansicht nach i.O.: 99,99 Kanadische Dollar, was ungefähr €70,- entspricht. Dazu kommen allerdings €35,- (!) Porto plus Zoll hinzu. Insgesamt ziemlich heftig, aber immer noch akzeptabel für ein großformatiges Buch mit 560 Hochglanz-Seiten. Vier Heft von Panzer Tracts kosten fast das Gleiche!

Inzwischen habe ich das Buch von vorne bis hinten durchgelesen und bin absolut überzeugt. Die Quellenlage ist zwar im Vergleich zu anderen Panzer-Typen mehr als dürftig, aber trotzdem hervorragend recherchiert.

Hier zunächst eine Auflistung der Kapitel (auf deutsch übersetzt):

  • Einleitung
  • Wanne und Anbauteile
  • Antriebs-Komponenten
  • Außen mitgeführtes Zubehör und Verstauungsmöglichkeiten
  • Türme
  • Bewaffnung und Munition
  • Schwerer Panzer KW-1
  • Schwerer Panzer KW-2
  • Flammenwerfer-Panzer KW-8 und KW-8S
  • Haubitze auf Selbstfahrlafette SU-152
  • Einheiten-Organisation, Farbgebung, taktische Zeichen
  • KW-Panzer in fremden Diensten
  • Heute zu besichtigende Exemplare
  • Quellenverzeichnis
  • Glossar
  • Maßstabs-Risszeichnungen
  • Stichwortverzeichnis

Nach der Einleitung wird also auf jede einzelne Komponente des Panzers eingegangen und wie sie im Lauf der Produktion verändert wurde. Somit sehr gut als Nachschlagewerk geeignet.

Dann wird die komplette Entwicklung noch einmal zusammengefasst, nach Untertypen organisiert.

Der Text wird hervorragend durch historische Bilder und / oder Risszeichnungen ergänzt. Hin und wieder werden auch Museumsstücke gezeigt, allerdings mit der Einschränkung, dass diese nicht immer historisch korrekt sind. Oft werden fehlende Teile durch irgendetwas gerade greifbares ersetzt oder einfach weggelassen.

Was im Buch etwas rar ist, sind Innenaufnahmen. Der Autor weist selber darauf hin. Hier gibt die derzeitige Quellenlage einfach nicht mehr her.

Von mir eine klare Kaufempfehlung! Ein weiterer großer Pluspunkt: Zum Buch gibt es eine Webseite, 4BO Green, die speziell für uns Modellbauer interessant ist. Leider wurde sie seit längerer Zeit nicht mehr aktualisiert, aber es werden z.B. alle Trumpeter-Bausätze vorgestellt (bis auf den KW-8S), zuerst einzeln und dann quasi als Kochrezepte, wie man entweder aus einzelnen Bausätzen oder durch Cross-Kitting jede erdenkliche Variante realisieren kann. Auch fehlen neuere Bausätze wie die von Bronco (SU-152 je früh und spät, und KW-85).



Da nicht jeder so viel Geld für Literatur ausgeben will, möchte ich etwas vom erlangten Wissen weitergeben.

Zunächst zur Klassifizierung: Da geistern ja viele verwirrende Begriffe durch die Modellbauwelt, die alles Andere als erhellend sind: KV-1C, Model 1942 late with lightweight cast turret usw.

Das liegt daran, dass in der Zeit des Zweiten Weltkrieges keine wirkliche Klassifizierung existierte und die Deutsche Wehrmacht nur eine sehr grobe Einteilung verwendete. Mittlerweile hat man sich auf folgende Einteilung geeinigt, die aber auch erstmal sehr grob ist, denn sie geht in erster Linie nach der Bewaffnung:

KW-1
  • KW "kleiner Turm" (malenki baschnij): Vorserienmodelle und erste Produktionsmodelle, Kanone L-11, kein Bug-MG, Kette mit 700mm Breite
  • Modell 1939: 76,2mm Kanone L-11, mit Bug-MG
  • Modell 1940: 76,2mm Kanone F-32
  • Modell 1941: 76,2mm Kanone SIS-5 (das erste S ist Stimmhaft, deswegen schreiben die Anglophonen hier ein Z)
  • Modell 1942: Gleiche Bewaffnung, jedoch stärkere Wannenpanzerung mit kantigem Überhang am Heck, letzte Variante mit 700mm-Kette
  • KW-1S: Wesentlich leichtere Panzerung, neuer gegossener Turm, Kommandantenkuppel, Kette mit 650mm Breite
  • KW-85: Wesentlich größerer Turm mit 85mm Kanone D-5 T, Übergangslösung vor Einführung der IS-Reihe

Die Jahreszahlen haben nur grob etwas mit dem Produktionszeitraum zu tun. Beim Modell 1940 gab es für eine Zeit lang eine Variante mit Zusatzpanzerung, dem sogenannten Echranami-Programm. Da kurz vor Barbarossa das Falschgerücht verbreitet wurde, die Wehrmacht verfügt über potente Panzerabwehrwaffen, wurde in aller Eile eine Zusatzpanzerung entworfen, die sowohl in der Fabrik als auch theoretisch im Feld nachgerüstet werden konnte. Es handelte sich um Panzerplatten, die mit Abstandshaltern auf die Turm- und Wannenseiten geschraubt wurden, erkennbar an den riesigen Sechskant-Schraubenköpfen.

Unabhängig von dieser Einteilung wurde der Turm weiterentwickelt:

  • Geschweißter Turm mit 75mm-Panzerung und gebogenem Heck - nur beim Vorserienmodell zu finden
  • Geschweißter Turm mit 75mm-Panzerung und geraden Flächen - "kleiner Turm" bis Modell 1940
  • Geschweißter Turm mit 90mm-Panzerung und geraden Flächen - Modell 1940 bis 1941 (up-armored welded turret)
  • Vereinfachter geschweißter Turm mit 90mm-Panzerung und geraden Flächen, Modell 1940 bis 1942 (simplified welded turret)
  • Früher gegossener Turm - Modell 1941 und 1942 (early cast turret oder heavy cast turret)
  • Später gegossener Turm - Modell 1941 und 1942 (late cast turret oder lightweight cast turret)
  • KW-1S
  • KW-85

Der vereinfachte, geschweißte Turm ist zu erkennen am kantigen Unterteil des Turmhecks. Beim gegossenen Turm von schwer oder leicht zu sprechen ist ziemlicher Blödsinn: Das Gewicht war mehr oder weniger gleich! Nur hat man die Panzerung an den besonders oft durchschlagenen Stellen erhöht und sie an anderen Stellen dafür reduziert. Man erkennt den späten gegossen Turm daran, dass die Turmseiten über die Wanne hinausragen.

Die Wehrmachts-Einteilung, wie sie bei älteren Tamiya-Bausätzen und bei Zvezda zu finden sind, hat dem oben genannten folgendes zu tun:

  • KW-1A: Geschweißter Turm
  • KW-1B: Geschweißter Turm, Geschraubte Abstandspanzerung an Turm oder Wanne+Turm (Echranami)
  • KW-1C: Gegossener Turm, also inklusive KW-1S

Bei den Laufrollen gab es ebenfalls eine Entwicklung, die einen Trend, aber keine feste Zuordnung zu den o.g. Typen darstellt. Bis zum frühen Modell 1941 verwendete man gummigedämpfte Stahllaufrollen, die aus Außen- und Innenteil bestanden. Letzterer hatte Lüftungsöffnungen, um das Gummi im Inneren zu kühlen. Ab dem Modell 1941 verzichtete man auf die Gummidämpfung und die Rollen wurden in einem Teil gegossen. Beim KW-1S wurden zuerst große dreieckige Aussparungen eingeführt, dann ging man zurück auf kleinere, runde Löcher, um Gewicht zu sparen.

Bei der Kette tat sich lange Zeit relativ wenig: Hier wurde ziemlich lang eine 700mm breite Kette (Typ Omsh) mit Führungszahn auf jedem Kettenglied verwendet. Deswegen hat jeder Trumpeter-Bausatz die gleiche Kette! Das ist nur bei späten 1942 und KW-1S nicht korrekt. Es wurden lediglich die Führungszähne leicht verlängert und die Kettenenden verstärkt. Soweit ich weiß, gibt es den frühen Omsh-Typ von keinem Hersteller derzeit! Die Unterschiede sind allerdings minimal. Wer die sehr guten Segmentketten von Trumpeter dennoch ersetzen möchte, sollte z.B. Friul ATL-10 verwenden.

Da es Beschwerden gab, dass die Kette gerne mal verloren geht, wenn sich Steine zwischen den Führungszähnen verkeilen, wurde ein neuer Typ eingeführt, bei der jedes zweite Kettenglied geteilt und ohne Führungszahn war. Zunächst hatten diese geteilten Glieder eine Art Führungshöcker, der später weggelassen wurde. Da dieser Typ beim Modell 1942 zunehmend verwendet wurde, sollte man die Bausatz-Ketten von Trumpeter durch Friul ATL-51 oder MasterClub 35025 ersetzen. Übrigens muss es nicht so sein, dass immer mit und ohne Führungszahn sich immer abwechseln müssen! Die Glieder waren frei kombinierbar! So sieht man auf Fotos Ketten, bei den ganze Stränge mit Führungszähnen zu sehen sind! Man nahm halt her, was gerade verfügbar war.

Ab dem KW-1S reduzierte man die Breite auf 650mm, wobei die zweigeteilten Glieder, die sich mit den einteiligen mit Führungszahn abwechseln, beibehalten wurden. Hier liegt Trumpeter komplett falsch, also sollte man auf Friul ATL-54 oder MasterClub 35030 zurückgreifen.

Da die Kette aber immer noch zum Abwerfen tendierte, ging man langsam wieder zu Ketten über, die nur aus einteiligen Gliedern mit Führungszahn bestanden.

Was sich auch stark im Laufe der Entwicklungszeit änderte, war die Verstaung von Werkzeug, Zubehör und Ersatz-Treibstoff. Zuerst wurde große Staukästen verwendet (bis zu 3 Stück), die eine gesamte Sektion auf einem Ketteschutzblech einnahmen. Der KW hatte 10 solche Sektionen, die im Buch folgendermaßen durchnumeriert waren: Position 1 vorne links, Position 2 vorne rechts bis Position 10 hinten rechts. Im Laufe der Zeit wurde mit allen möglichen Konfigurationen experimentiert, bis schließlich die großen Staukästen komplett eleminiert wurden und nur eine, rechteckige, übrig blieb. Bei den Zusatztanks wurden zuerst welche mit 50-Liter verwendet (Würfelform, nur korrekt in Resin von Panzer Art verfügbar oder im Spritzguss bei Zvezda), später welche mit 100 Litern in Tonnenform. Diese Zusatztanks waren nicht an die Treibstoffversorung des Panzers angeschlossen! Der Diesel musste mühsam mit Eimern umgefüllt werden. Ein Zusatztank enthielt außerm Motoröl, da der Verbrauch enorm war.

KW-2
  • KW "großer Turm" (balschoi baschnij), 152mm Haubitze M-10S, Turm MT-1 (schräge Frontpanzerung, spitzes Heck), kein Bug-MG
  • KW-2, gleiche Hauptbewaffnung, Turm MT-2 (gerade Frontpanzerung, flaches Heck), mit Bug-MG; frühes Baulos (Nov/Dez 1940), spätes Baulos (Mai/Jun 1941)

Die Typen KW-1 und KW-2 unterschieden sich nur in den Türmen. So wurden manche Vorserienmodelle mal mit kleinem, mal mit großen Turm zur Erprobung nach Finnland geschickt.



Die Entstehung des Panzers ist sehr interessant! So riesig und schwer er auch war, er war der Ableger eines noch gigantischeren Kolosses! Im Winterkrieg 1939/1940 gegen Finnland wurden zwei überschwere Panzer als Prototypen eingesetzt: der SMK und der T-100. Beide hatten je zwei Türme, die hintereinander und in der Höhe versetzt eingebaut waren. Der vordere, kleinere Turm verfügte über ein 45mm-Geschütz, der größere, hintere Turm über ein 76,2mm-Geschütz.

Eine Anekdote besagt, dass Onkel Iosif (Stalin) bei der Präsentation des SMK gewitzelt haben soll: "Ein Panzer wie ein Warenhaus: Ein Turm für alle Gelegenheiten!" Ein wahrer Schenkelklopfer. Dennoch dürften die Appratschiks höflich gelacht haben. Auf jeden Fall soll Stalin den vorderen Turm beim Holzmodell kurzerhand abgebrochen haben und die Entwickler damit beauftragt haben, es mit dieser Konfiguration und das Ganze eine Nummer kleiner zu versuchen.

Das Projekt wurde einer Gruppe von Werkstudenten übergeben. Es wurde also der 45mm-Turm eliminiert und die Wanne verkürzt. Die Anzahl der Laufrollen wurde von 8 auf 6 reduziert. Fertig.

Im Ernst, das wars? Leider ja! Nach kurzen Tests wurde das Projekt in die Serienfertigung übernommen, obwohl noch zahlreiche Mängel zu beseitigen gewesen wären. Ich möchte hier die wichtigsten auflisten:

  • Motor zu schwach für das Gewicht - 48 Tonnen beim Modell 1942. Hier wurde der W-2 vom T-34 lediglich aufgebohrt und als W-2K bezeichnet
  • Getriebe qualitativ minderwertig. Hier handelte es sich wohl um eine schlecht umgesetzte Kopie eines Getriebes der Firma Holt (USA), der für eine Raupe vorgesehen war und aus Zuverlässigkeitsgründen durchfiel! Das werde erst sehr spät korrigiert. Bis dahin war es fast unmöglich, vom 2. auf den 3. Gang zu wechseln
  • Schlechte Belüftung des Motorraumes. Zunächst gab es nur einen Luftfilter, der Zentral zwischen den Zylinder-Bänken angebracht war, unterhalb einer Wölbung in der Motorraum-Abdeckung. Genau da war es aber im Motorraum am heißesten! Später, im Winter 1941/42, wurde er durch zwei Ölbadluftfilter ersetzt, die links und rechts am Schott zum Getrieberaum angebracht waren. Dort war es zwar kühler, dafür waren sie nicht über die Wartungsklappe erreichbar. Dadurch wurde das Öl viel zu selten gewechselt: der Dreck sammelte sich an, bis schließlich die Wirkung gleich Null war und der Motor dann ungefilterte Luft abbekam.
  • Sub-optimale Aufgabenverteilung der Besatzung. Im Turm saß der Richtschütze links vom Geschütz, der Kommandant links davon. Der Kommandant fungierte außerdem als Ladeschütze! Hinten im Turm saß/stand der Ersatz-Fahrer, der nur das Heck-MG bedienen musste, aber ansonsten Däumchen drehte.
  • Sehr schechte Sicht. Es gab keine Kommandantenkuppel! Nach vorne gab es für Richtschütze und Kommandant je ein drehbares Periskop, außerdem Winkelspiegel zur Seite und zum Heck hin. Insgesamt viel zu wenig, um ein Gefechtsfeld effektiv beobachten zu können. Dies wurde erst beim KW-1S korrigiert: Hier hatte man so etwa die gleiche Konfiguratin wie bei deutschen Panzern üblich.

Man kann also sagen, dass das Potential bei Weitem nicht ausgeschöpft wurde! Es gab in der Roten Armee zunehmend Kritik an diesem Panzer: Zu unzuverlässig bei gleicher Bewaffung wie beim T-34. Der KW-1S war ein fauler Kompromiss: er war zwar wesentlich leichter ("nur" noch 43,5 Tonnen statt 48), aber auch verwundbarer zu einer Zeit, in der Wehrmacht mit 7,5cm-Langwaffen bzw. Tiger wesentlich wirksamer in der Panzerbekämpfung wurde.

Das Buch hat auf jeden Fall Faszination für dieses grobschlächtige Ungetüm geweckt! Deswegen baue ich z.Zt. an einem Modell 1942 von Trumpeter, OOTB, um von meinem Sd.Kfz. 7 zwischenzeitlich mal Abstand zu gewinnen.

Offline Steffen.B.

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Re: KV Technical History & Variants
« Antwort #1 am: 25. April 2020, 15:52 »
Danke dir für die Zusammenfassung.  :5:
Mit dem Buch liebäugele ich auch schon lange. Allerdings ist mir unterm Strich der Preis zu heftig ; 105€ für Buch und Porto, auf diesen Betrag werden noch einmal Einfuhrumsatzsteuern fällig. Überlässt man der Post die Zollabwicklung wird für diese Dienstleistung zusätzlich auch noch mal einen Gebühr (waren glaube ich 25€) erhoben. Macht man die Zollabwicklung selbst, sind es bei mir 30km Wegstecke zum Zoll ... Zeitaufwand in Allem ein halber Tag plus Fahrtkosten. So gern ich das Buch auch haben möchte ... aber da bin ich raus.


edit : Tippfehler korrigiert, Wurstfinger und Tastatur ... .  :auge:
« Letzte Änderung: 26. April 2020, 12:03 von Steffen.B. »

Offline richtfunker

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Re: KV Technical History & Variants
« Antwort #2 am: 25. April 2020, 19:53 »
Kann ich absolut nachvollziehen! Beim T-34 wollte ich mit einem gleichgesinnten eine Sammelbestellung machen, vielleicht wäre dann das Port anteilig geringer ausgefallen, ich weiß es nicht. Zu lange gewartet: dieses Buch ist inzwischen auch dort vergriffen.

Wenn jemand Fragen zum KW hat, versuche ich gerne diese anhand des Buches zu beantworten.